Gemischtwarenhändlerin Post und die Hörverstärker

Geschrieben von Hansueli "Voice" Müller. Veröffentlicht in der Blog

Die Post sorgte vergangene Woche für hitzige Diskussionen und entflammte erneut die Debatte darüber, dass die Post seit Jahren immer mehr zur Gemischtwarenhändlerin mutiert. Mit ihrem Plan, ab Mitte August einige Hörverstärker von Claratone ins Sortiment aufzunehmen, stösst sie nicht nur bei Medien auf Kritik sondern auch bei Berufs- und Interessenverbänden.

Die NZZ am Sonntag (NZZaS) berichtete am 4. August darüber, dass die Post in ihr Sortiment Hörverstärker aufnehmen wird und diese am Schalter oder via Webshop erhältlich sein werden. Die NZZaS griff dabei gleich ins Fettnäpfchen und betitelte die Hörverstärker falscherweise als Hörgeräte. Rasch folgten kritische Stimmen aus den Medien, ob den die Post überhaupt die nötige Beratungskompetenz für ein solches Produkt aus dem Gesundheitsbereich habe? Die Antwort sollte ein überdeutliches „Nein“ sein. Oliver Flüeler, Leiter der Post-Medienstelle, sieht das aber anders. In einem Interview mit SRF sagte er, dass es kein Fachwissen und auch keine grosse Beratung für den Verkauf benötige, da er sich sagen liess, dass es sich um standardisierte Geräte handelt. Die Mitarbeiter erhalten einen Grundstock an Antworten auf allgemeine Fragen der Kunden. Werden detailliertere Fragen gestellt, muss man sich an den Vertreiber wenden. Bei Schwierigkeiten oder Unzufriedenheit nach dem Kauf kann man auch keinen Service von der Post erwarten. Hier wird ebenfalls empfohlen, sich direkt mit dem Vertreiber in Verbindung zu setzten.

Die Post Mitarbeiter werden also weder eine Audiometrie, noch eine Otoskopie durchführen und sie werden weder in Anatomie noch in Audiologie ausgebildet sein. Dies wird zwangsläufig zu Problemen führen. Denn, wenn die Audiometrie fehlt, könnte das Gerät zu stark oder zu schwach sein. Kontrolliert man den Gehörgang nicht und es versteckt sich dort ein fieser dicker Ohrenschmalzpfropf, könnte man den „Hörverlust“ mit einem Arztbesuch beheben und für den Kunden unnötige Ausgaben verhindern. Weiss man nicht, dass der Kunde unter Morbus Menière leidet, könnte man einen Menière-Anfall auslösen. Um einige Beispiele genannt zu haben. Die Post bietet so keine Beratungsqualität und schiebt bei Problemen zudem die Verantwortung ab.

Vorsicht bei den versteckten Kosten

Da die Geräte (zum Glück) vom Bundesamt für Metrologie (METAS) nicht als Hörgeräte zugelassen sind, keine Fachberatung geboten wird, keine Individualisierung stattfindet und eine Nachjustierung nicht möglich ist, sollte man meinen, dass die Hörverstärker weniger als billig sind. Mit Fr. 349.-, die die Post und Claratone (Preisabsprache, liebe WEKO?) ansetzen, haben die Hörverstärker einen doch teuren Preis. Kein Wunder, schliesslich möchte man bei Claratone bereits 2014 die Gewinnschwelle erreichen, wie der CEO Christoph Umbricht im Interview mit der NZZaS erklärt.

Dieses Ziel erklärt auch die versteckten Kosten, die Claraton Kunden erwarten müssen und bei der ganzen Mediendiskussion verschwiegen werden. Denn, bei einfachen Ersatzteilen muss tief in die Tasche gegriffen werden: Eine Wartung mit Reinigung und Ersatzschläuchen und –schirmchen kostet Fr. 90.- pro Hörverstärker; das 2 Jahres-Abo Fr. 290.- pro Hörverstärker. Berechnet man die Kosten auf fünf Jahre, bezahlt man für ein Paar der günstigsten hinter dem Ohr Variante, Fr. 1‘954.00! ohne Portokosten und Batterien. Die Reinigung, Wartung und Ersatzteile können zudem nur beim Vertreiber eingekauft werden und nicht am Postschalter.

Kopfschütteln bei pro audito schweiz

Der Plan der Post lässt auch pro audito schweiz (pas) aktiv werden, die eine Beschwerde an die Konzernleitung der Post und an die Postkommission richtete. Georg Simmen, Präsident der pas und selber Hörgeräteträger, sagte im Interview mit KON|SENS, dass das neue Angebot der Post nicht seriös sei kann. Im ersten Augenblick dachte er sich, „ob es wirklich sein muss, dass die Post ihren Gemischtwarenladen um ein Angebot erweitert muss, von dem sie keine Ahnung haben.“ Er zeigt jedoch auch Verständnis dafür, dass die Post mit ihrem Shop die Verluste aus dem Stammgeschäft versucht zu mindern. „Ich verstehe jedoch nicht, dass die Post ins Gesundheitswesen einsteigt“ so Georg Simmen und fügt an. „und Geräte verkauft, die meines Erachtens eine vorgängige Beratung benötigen.“

Gerog Simmen rät wie Prof. Rudolf Probst, Klinikdirekter am Unispital Zürich, dass Menschen mit Hörminderungen zuerst medizinisch abklären sollten, woher die Einschränkung stamme. Georg Simmen empfiehlt zudem. „Kann die Hörschwäche mit einer Hörhilfe korrigiert werden, empfiehlt es sich, das Hörgerät durch eine Fachperson individuell für sich anpassen zu lassen.“

Viele wollen es nicht wahrhaben: der Schlüssel zu einer optimalen und nutzbringenden Korrektur einer Hörminderung ist und bleibt eine professionelle Beratung mit medizinischer Abklärung, wo das Bedürfnis und die Geschichte des Kunden im Zentrum stehen. Man merkt, dass schon längst die Zeit gekommen ist, aktiv Aufklärungsarbeit zu leisten und zu zeigen, was für ein Fachwissen hinter einem Hörgerät steckt; dies ist aber ein anderes Thema…

euer Voice

Infos über Claratone

Die Claratone Schweiz GmbH ist ein junges Unternehmen, dass am 12. Mai 2013 von der RS Audio AG (gegründet 22. November 2011) gegründet wurde. Als Geschäftsführer fungiert Herr Christoph Umbricht, ein ehemaliger Mitarbeiter der Phonak Sounds AG der ebenfalls im Vorstand der Fördervereinigung Humanitas ist. Der Hauptsitz befindet sich in Meilen, wo Claratone ein Lager führt. Neben der Post TopPharm Apotheken, ein Radio TV Fachgeschäft und ein Allgemeinmediziner aus Graubünden zu Claratone Resellern.

Neben Christoph Umbricht besteht der Vorstand der RS Audio AG aus Silvio Abt, Thomas Reimann, Schumacher Robert und Renggli Guido. Letzterer ist der ehemaliger Geschäftsführer der Media Saturn Management AG.

Kommentar schreiben

Um einen Kommentar abzugeben, benötigst du KEINE Registrierung. Die Mailadresse müsst du nur angeben, wenn du über neue Kommentare informiert werden willst.


Sicherheitscode
Aktualisieren

Twitter Feed