Joyzaa

Geschrieben von Hansueli "Voice" Müller. Veröffentlicht in der Blog

Die Liberalisierung im Schweizer Hörgerätemarkt bringt immer wieder neue Geschäftsmodelle und Ideen zu Tage. Dabei denkt man zwangsläufig an die Post und die Migros, die vor kurzem damit begonnen haben Hörverstärker als Multimediaartikel zu verkaufen, oder an Sonetik, die mittlerweile nach Deutschland expandieren.

Auch aus dem Internet gibt es wieder etwas Neues: Das E-Business Projekt Joyzaa von Hayri C. Bulman, der Ex-CEO von Phonak Türkei.

Herr Bulman ist türkischer Staatsangehöriger, lebt im Kanton Zürich und hat einen MBA Abschluss von der Columbia University. Aktuell ist er für die docuLIFE AG, die Business & Business AG und die SMILING DOLPHIN AG (in Liquidation) jeweils in der Geschäftsführung tätig. Durch seine Arbeit für Xerox als Direktor des New Business Development oder für die RPost (eingeschriebene E-Mails) bringt er 30 Jahre an Erfahrung in der IT-Welt mit. Als ehemaliger CEO von Phonak Türkei kennt er die internationale Hörgerätebranche sehr gut.

Joyzaa ist sein neues, persönliches E-Business Projekt. Es handelt sich dabei aber nicht um eine klassische Firma, die auf Profitmaximierung setzt, sondern um „einen Hybrid aus sozialer Verantwortung und Profit“, erklärt Bulman. Ein solcher Hybrid kann man als Firma verstehen, die Hilfswerk und zugleich Wirtschaftsunternehmen ist; wobei die soziale Verantwortung, also das Hilfswerk, der grössere Pol nach aussen darstellt.

Im Fall von Joyzaa werden auf der einen Seite Hörgeräte verkauft und auf der anderen Seite Hörgeräte verschenkt. Hier liegt auch der Kern, wieso Bulman Joyzaa geschaffen hat: Als er noch für einen internationalen Hörgerätehersteller arbeitete, besuchte er viele Entwicklungsländer. „In dieser Zeit habe ich die Leiden von Familien gesehen, wie sie alles für ein Hörgerät getan haben“, berichtet Bulman. Er störte sich zudem daran, dass gewisse Hersteller „Bananen*“ als Werbeaktion in die dritte Welt verschenkten. Sein Plan ist daher, dass in der Anfangsphase von Joyzaa pro verkauftes Hörgerät, ein Hörgerät an Kinder in Entwicklungsländer verschenkt wird. Später sollen sogar pro verkauftes Hörgerät zwei Hörgeräte verschenkt werden. „Nur gute Hörgeräte von guten Herstellern, kein Abfall.“, meint Bulman. Zudem möchte man in die Ausbildung der Kinder investieren.

Der Verkauf der Hörgeräte wird via Webshop erfolgen, der ca. „40 Modelle von namhaften Herstellern führen wird“, so Bulman. Gemäss der Pressemitteilung vom 1. September 2013 werden die Hörgeräte für unter Fr. 2'000.- angeboten. Um was für Hörgeräte es sich handelt, wird verschwiegen. Im Preis ist ein Gutschein für die Anpassung inbegriffen, der bei einem Partnerakustiker eingelöst werden kann. „Der Rahmen für die Anpassung wird noch diskutiert“, erklärt Bulman, „es werden entweder 2x 60 Minuten oder 3x 40 Minuten werden“. Der Akustiker erhält für seine Arbeit geringe Fr. 200.-. Mit dem Erlös aus dem Webshop werden die Kinderhörgeräte finanziert; wobei „das Geschäft doch profitabel sein und gesund wachsen sollte“, fügt Bulman an.

Da man auf die Mithilfe der Öffentlichkeit hofft, versucht man das Startkapital durch Crowdfunding zu generieren. Auf der dafür spezialisierten Plattform Indiegogo startete Bulman am 1. September 2013 eine Sammelaktion die bis 10. Oktober 2013 dauerte. Als Ziel war eine Summe von $600‘000 geplant; erreicht wurden bis heute nur $1‘240. Auch herkömmliche Investoren wurden angefragt: „ Das Projekt wurde in den letzten Monaten zahlreichen Investoren vorgestellt“, erklärt Bulman, „fast alle waren Überwältigt.“.

Die Startfinanzierung scheint jedoch trotzdem nicht gesichert zu sein: Besucht man die Website von Joyzaa, bestätigt sich klar das Bild, dass sich das gesamte Projekt in einer sehr frühen Entwicklungsphase befindet. Neben einem in Englisch gehaltenen Projektbeschrieb, findet man noch ein Werbevideo und sonst nichts. Beschrieb und Video erklären den klassischen Hörgerätemarkt, was Joyzaa macht und warum es funktionieren wird.

Dabei bedient sich Herr Bulman einem Marketingtrick**, wie ihn das Bundesamt für Sozialversicherung (BSV), Sonetik, Claratone und andere verwendet haben: Man erzählt über den klassischen Hörgerätemarkt nur was einem gerade nützt, verschweigt bei Preisen Leistungen die von Hörgeräteakustikern erbracht werden und nennt zudem falsche, überhöhte Preise. So erstaunt es auch kaum, dass in der Pressemitteilung von Preisen zwischen Fr. 6‘000.- und Fr. 7‘000.- pro Stück gesprochen wird und diese als üblich dargestellt werden. Dabei gibt es kein (KON|SENS bekannter) Akustiker der solche Preise verlangt. Zudem weiss man nicht, ob die Joyzaa-Geräte einfache Einsteigergeräte sind, die mit Premiumgeräten aus dem Fachgeschäft verglichen werden, um eine mögichst grosse Differenz angeben zu können. Und wie zu erwarten war, erhalten die immer wieder durchgekauten $50.- Herstellungskosten pro Hörgerät auch einen grossen, unreflektierten Auftritt im Video.

Fazit für Kunden

Joyzaa stellt sich als heroischer Preisbrecher mit grossem Herz für Kinder dar; doch das Ziel ist es Profit damit zu machen. Für nicht Branchenkenner klingt alles toll und fantastisch; man sollte sich aber nicht davon blenden lassen. Die Preise sind zwar tief, jedoch erhält man keine Leistung dafür; was Mehrkosten bedeutet: Studien haben nämlich gezeigt, dass für eine gute Hörgeräteanpassung inkl. der Nachsorge durchschnittlich 19 Stunden aufgewendet werden müssen. Die zwei inbegriffenen Stunden Hörgeräteanpassung reichen also bei weitem nicht aus, für eine gute und ordentliche Anpassung an das eigene Hörvermögen und Hörbedürfnis. Neben der fehlenden Dienstleistung, fehlt auch die Ohrankopplung, was schnell mehr als hundert Franken zusätzlich kosten kann. Bedenken muss man zudem, dass die Hörgeräte (aktuell) aus dem Ausland stammen und man daher bei Reparatur- und Garantiefällen längere Wartezeiten in Kauf nehmen muss.

Von einem Kauf bei Joyzaa muss aus genannten Gründen abgeraten werden. Lieber gleich ins Fachgeschäft gehen und eine ordentliche Leistung geniessen.

Fazit für Hörgeräteakustiker

Das Kooperationsmodell von Joyzaa ist sehr simpel. Grundsätzlich sind alle Fachgeschäfte herzlich willkommen, wenn sie bereits sind, 120 Minuten Arbeit für Fr. 200.- anzubieten. Ist man bereit dazu, kann man die Gutscheine der Kunden entgegennehmen und bei Joyzaa gegen den Betrag eintauschen und würde sich unter Wert verkaufen.

euer Voice

* Banane ist die abschätzige Bezeichnung für ältere, grössere Hörgeräte.
** Die Rede ist von der asymmetrischen Informationsverteilung

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