Ein Blick in die neue Hörgeräte-Versorgung

Geschrieben von Hansueli "Voice" Müller. Veröffentlicht in der Blog

Das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) macht Ernst und die neue Hilfsmittelverordnung steht vor der Tür. Die offizielle Mitteilung an alle Akustiker vom 02. Mai 2011 gibt uns einen guten Einblick auf alle Themen die uns seit Wochen beschäftigen. Werfen wir einen Blick rein:

Pauschalsystem

Wie schon lange angekündigt, werden Hörgeräte mit der neuen Verordnung pauschal Vergütet und wir kommen dadurch in den Genuss eines freien und echten Marktes. Die direkte Auszahlung des Pauschalbetrages an die Versicherten macht aus unseren Kunden echte Kunden, die mündig und in eigener Verantwortung das beste Hilfsmittel für sich auswählen. Neu wird also die Anmeldung bei den Sozialversicherungen erst nach der Anpassung fällig und erspart dem Akustiker einen administrativen Klotz der Wartezeit kostet.

Trotz all den schönen Vorteile, ist die gewählte Höhe der Pauschale sehr nachteilig für die Menschen mit Hörproblemen. Die aktuelle Qualität der Versorgung mit Hörgeräten in der Schweiz wird nicht gehalten werden können; dafür sind die Pauschalen ein paar Hundert Franken zu niedrig. Bei IV Versicherten betragen die Pauschalen Monaural Fr. 840.-, Binaural Fr. 1'650.- und bei AHV Versicherten Monaural und Binaural Fr. 630.-. Die Beträge sind gemäss Entwurf der Verordnung inkl. 8% MwSt.; man kann sich jetzt Fragen, ob das BSV die Verordnung nächstes Jahr wegen der MwSt.-Änderungen wieder korrigieren wird?

Das Pauschalsystem bringt auch mit sich, dass die für die einwandfreie Funktion des Hörgerätes notwendige Otoplastik, die von Zeit zu Zeit gewechselt werden muss, nicht mehr übernommen wird. Diese Tatsache beweisst, dass die neue Verordnung von keinen fachkundigen Personen entworfen wurde. Das von der Sozialversicherung finanzierte Hilfsmittel wird also nach einer gewissen Zeit unbrauchbar und verursacht zusätzliche Kosten bei Menschen die auf das Geld angewiesen sind.

Kinderversorgungen

Kinder sind neu, alle Personen bis zum 18. Lebensjahr; wörtlich genommen, bis 17 Jahre. Wie auch im aktuellen Tarifvertrag dürfen nur anerkannte Pädakustiker mit der IV Kinderversorgungen abrechnen, was eine Zulassungsbestimmung ist und kein Berufsschutz. Bestehende Pädakustiker müssen sich keiner erneuten Überprüfung stellen.

Anders als bei Erwachsenenversorgungen wird bei Kinderversorgungen eine Höchstbetragregelung angewandt. Unterteilt wird der Betrag in Anpassung und Nachbetreuung. In der Anpassung sind Sach- (Hörgerät, die dazugehörigen Ohrpassstücke, Filter, Winkel, usw.) und die Dienstleistung (die Anpassung) enthalten. In der Nachbetreuung sind alle Nachjustierungen, Ohrpassstücke und kleinere Arbeiten enthalten. Für jede Kinderversorgung darf aber nur einmal Rechnung gestellt und alle Kosten auf 6 Jahre einkalkuliert werden. Die Höchstbeträge sind aber so mikroskopisch, dass Eltern in Zukunft die Wahl, zwischen hohen finanziellen Aufwendungen und nicht nutzbringenden Hilfsmitteln, treffen müssen. Wenn man die Beträge für die Dienstleistung für Monaural und Binaural vergleicht, wird einem klar, dass in Fr. 540.- mehr einiges vergessen wurde.

Der Höchstbetrag bei Monaural Fr. 2'830.- und bei Binaural Fr. 4'170.-; auch hier wieder inkl. MwSt., jedoch ohne definierten Satz.

Härtefallregelungen

Die Härtefallregelung wurde äusserst schwammig und kompliziert aufgebaut. Da sich in der Mitteilung vom BSV im Absatz über die Härtefallregelung ein Schreibfehler befindet und nicht klar wird was das BSV damit meint, können wir den Satz nur interpretieren: Eine Bedingung für die Härtefallregelung ist, dass der Kunde Erwerbstätig ist und Schulungen oder Ausbildungen gibt. Über 17 Jährige nicht Erwerbstätige sind also ausgeschlossen von der Härtefallregelung, nach vorliegender Mitteilung. Neben dieser Grundbedingung darf nur eine Härtefallregelung beantragt werden, wenn die Versorgung die Kosten einer einfachen und zweckmässigen Versorgung in unzumutbarer Weise übersteigt. Ob etwas unzumutbar ist oder nicht, wird wahrscheinlich von den Sachbearbeitern von Fall zu Fall entschieden. Im Sinne des Kunden währen hier klare und akzeptable Regelungen.

Der geplante Weg ist im wahrsten Sinne hart und verwirrend. In Stichworte gefasst: Kunde schreibt Antrag mit Tagebuch, Akustiker schreibt Begründung, die IV versucht die Probleme des Kunden nachzuvollziehen, die IV beauftragt eine Klinik mit einer Abklärung, Kunde geht in die Klinik, Klink erteilt eine begründete Empfehlung und die IV entscheidet ob die Härtefallregelung angewendet wird. Es ist unbegreiflich, wieso die IV Menschen mit Problemen Steine in den Weg legt und wieder einen riesigen administrativen Klotz schafft der Zeit kostet. Da wir Akustiker aber von Grund auf gute Menschen sind, werden wir die Wartezeit unserer Kunden mit gut angepassten Hörgeräten versüssen.

So, dass war es vorerest mit dem Einblick.

Euer Voice

Quellen
Information an die Akustiker vom 02. Mai 2011 - Deutsch - Französisch - Italienisch

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